Familienwünsche

Familienwünsche




Du, Gott? Weisst du was? Manchmal hätte ich wirklich gern eine Familie. Eine eigene. Meine. Das gemeinsame Essen, das fehlt mir. Und das Erzählen dabei. Und das Kuscheln, abends auf dem Sofa beim Fernsehen. 
Ich weiß, man soll sich ja besser nach unten vergleichen, nicht nach oben, aber trotzdem. Wenn ich an die Zukunft denke, wird mir manchmal angst und bang, wirklich. Wie hast du das ausgehalten, damals, so ohne deinen Sohn da oben? Habt ihr ihn vermisst?

Ja, haben wir. Sehr. Und ich weiß genau, was du meinst. Aber... hast du dich schon mal gefragt, ob ich dich vielleicht gar nicht für eine Familie geschaffen habe? Alle meine Menschen sind sehr unterschiedlich, und auch du bist etwas besonderes. Könnte... ich nicht deine Familie sein?

Du??

Ja. Ich.

Ach du liebe Güte. Ich weiß nicht. Das ist nicht dasselbe, und das weisst du. Das muss ich erst überdenken. Und überhaupt: Meinst du nicht, wir wären recht schnell genervt voneinander?

Ach was. Ich kenne dich durch und durch, von deiner Vorliebe für Streuselkuchen bis hin zu deiner Abneigung vor Straßenbahnhaltestangen. Du kannst mich gar nicht nerven. Könnte es aber sein, dass ich dich nerve?

Naja... eventuell... manchmal. Ein bißchen. Oft.

Warum denn?

Du bist so – konzentriert! Geballt. Anstrengend. Übereifrig. Nie zeigst du irgendeine Schwäche!

(Gott lacht)

Nein, ernsthaft! Du bist einfach zu perfekt. Das ist einschüchternd.

So ein Unsinn! Natürlich habe ich eine Schwäche! Dich! Und alle deine Brüder und Schwestern! Ich könnte gut mit mir selbst klar kommen, wir sind ja sowieso immer zu dritt. Aber ich bin abhängig, man könnte fast schon sagen süchtig nach euch Menschen! Ich kann einfach nicht von dir lassen, und nachdem ich nunmal mein Wort gegeben habe, komme ich aus der Nummer auch nicht mehr raus. Also, was das angeht, ist meine Schwäche bestimmt größer als alles, was du jemals anstellen könntest. Und schon angestellt hast.

Oh. Das wusste ich nicht.

Schon klar. Den meisten von euch ist das nicht bewusst. Was die Lage für mich nicht einfacher macht, findest du nicht auch?

Naja, wenn du es so formulierst...

Also. Was ist jetzt mit unserer Familie? Du könntest es ja zumindest mal versuchen.

Puh. Naja. Meinetwegen, versuchen wirs. Aber eins sag ich dir gleich von Anfang an: Das Bad gehört mir!

Kind, ich habe dich gemacht, jedes Haar auf deinem Kopf...

Jajaja! Ist gezählt, ich weiß. Aber hier geht’s ums Prinzip. Beim Zähneputzen bin ich einfach noch nicht gesellschaftsfähig! Was denn? Hör sofort auf zu lachen! Das ist nicht lustig!

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