Sprachlos

Sprachlos

„Hör mal,“ sagst du zögernd.

„Ja?“ antwortet Engel Nr. 247.

„Also,“ sagst du, „es ist ja so, dass ich mit dem Chef reden soll, oder?“

„Das wäre schön, ja,“ antwortet Nr. 247.

„Ja, ähm, das ist ein Problem.“ Du stoppst. „Natürlich nur für mich!“ schiebst du schnell hinterher und schielst vorsichtig zu Nr. 247 hinüber. Darf man das überhaupt sagen?

„Warum ist das ein Problem?“ Nr. 247 sieht überrascht aus. Du druckst herum, fasst dir dann aber ein Herz.

„Weisst du, mir fällt oft nichts ein, was ich erzählen könnte. Ich meine, es interessiert ja nicht mal mich ein zweites Mal, was ich so an Kleinigkeiten und Winzigkeiten erlebe. Ehrlich, einmal erlebt reicht doch. Muss ich das alles nochmal durchkauen?“ Zweifelnd und ein klein wenig hoffnungsvoll siehst du Nr. 247 an. Könnte ja sein, dass er nein sagt und du raus aus der Nummer bist.

„Wenn du es erzählen möchtest, hört er dir gern zu, ja. Du musst aber natürlich nicht.“ Nr. 247 sieht dich interessiert an. „Und große Dinge – erzählst du die?“

„Naja,“ sagst du und witterst schon die Freiheit, „er weiß doch sowieso alles, oder? Warum muss ich es denn dann nochmal erzählen?“

„Wenn du mit ihm darüber sprichst, kann er antworten. Natürlich nur, wenn du zuhörst.“ Die Stimme des Engels klingt jetzt sehr offiziell.

„Ach,“ sagst du. Das war dir nicht klar. Darüber musst du nachdenken. „Also, es reicht nicht, wenn er einfach Bescheid weiß?“

„Bescheid wissen ist etwas anderes als darüber sprechen. Aus einem Gespräch kann etwas Neues entstehen. Kommunikation ist wichtig!“

Das klingt einleuchtend. Aber zufrieden bist du nicht. „Oft will ich aber einfach nicht reden. Ich mag es nicht, die großen Dinge immer wieder herum zu wälzen. Manchmal möchte ich nur Frieden. Und Ruhe!“ Du verstummst. Kann ein Engel sowas überhaupt verstehen? Sind die nicht dauernd und ständig im Kontakt mit der Zentrale?

Der Engel lächelt fein. „Er zwingt dich zu gar nichts. Wirklich nicht. Aber er ist gern mit dir zusammen. Du könntest auch mit ihm zusammen schweigen. Er ist ein Meister des Schweigens.“ Nr. 247 guckt versonnen und scheint sich einen Moment lang an etwas Schönes zu erinnern.

Du bist überrascht. Schweigen? „Ist das denn erlaubt?“ platzt du heraus.

„Natürlich. Auch im Schweigen kann Neues entstehen. Du musst es nur gemeinsam mit ihm machen. Alleine bringt das nichts.“

An den Gedanken musst du dich erst gewöhnen. Schweigen! Und trotzdem: So, wie es aussieht, bist immer du derjenige, der etwas tun muss. Das ist doch ungerecht! „Könnte er nicht auch einfach so mit mir sprechen, ohne dass ich vorher immer alles erzählen muss?“

„Könnte er, klar. Aber Schreien ist nicht so sein Stil. Und würdest du zuhören, wenn er dir ungefragt etwas ins Ohr flüstert?“ Nr. 247 sieht dich an.

„Mh-mh,“ machst du. Wohl eher nicht. Mist. Also bist du wieder da, wo du angefangen hast.

Wie geht zusammen Schweigen? Ausprobieren könntest du es ja mal. So zwei bis drei Minuten dürften jawohl nicht zu schwierig sein. Oder?

Nr. 247 seufzt leise.