Osterrituale



Rituale sind gut. Ja, da kann ich zustimmen, obwohl ich im allgemeinen kein besonders nachdrücklicher Verfechter von sich wiederholenden Abläufen bin. Ich mags gern abwechslungsreich. Natürlich gibt es Ausnahmen: Der Weihnachtsbaum zu Weihnachten muss schon sein, genauso wie morgens im Halbschlaf die erste Tasse Tee des Tages. Aber auch da bin ich flexibel: Es kann auch ein Cappuccino sein. Oder (wenn der Halbschlaf länger dauert) eine schlichte Tasse Milch. Ich gucke auch sehr genau hin, wenn ein neues Ritual sich anbahnt: Will ich das? Ist es sinnvoll? Hat es genug Inhalt, um wiederholt zu werden?


Vor zwei Tagen ist mir eines ganz neu über den Weg gelaufen, und ich denke, es wird bei mir bleiben. Es begann ganz schlicht: Zu den Mahlzeiten zünde ich immer eine Kerze an. Am Anfang, weil ich es nett fand, die Mahlzeiten etwas schöner zu gestalten. Dann kam mir irgendwann der Gedanke, ich könnte die brennende Kerze auch als Symbol dafür sehen, dass Gott anwesend ist. Für mich macht es ihn sichtbar – der, der das Essen ermöglicht, ist beim Essen dabei.

Am Karfreitagmorgen wollte ich wie immer die Kerze anzünden, hatte das Streichholz schon in der Hand (natürlich ein Streichholz – niemals einen Kerzenanzünder!) - und hab es wieder weggepackt. Es erschien mir plötzlich nicht richtig, am Karfreitag. Auch am Samstag habe ich die Kerze nicht angezündet. Es ist seltsam, wie einem die Unterbrechung einer symbolischen Handlung etwas ins Bewusstsein rücken kann. Ich war mir der fehlenden Flamme sehr bewusst und habe öfter als sonst zur dunklen Kerze geblickt. Heute morgen nun, nach dem Ostergottesdienst, brennt sie wieder. Wie schön! Und wenn ich sie so ansehe, scheint sie auch ein bißchen heller zu brennen als sonst.

Wie gesagt, ich denke, dieses für mich brandneue und erstmalig ausprobierte Verhalten werde ich fortführen. Ein Osterritual, für mich neu entdeckt.


Frohe Ostern!