Gedankensplitter

Vertrauen



Du hast dich verlaufen. So richtig. Du stehst im dunklen Wald und hast keine Ahnung, wie du wieder herausfinden sollst. Die Sonne ist untergegangen und du traust dich keinen Schritt weiter. Überall könnten Löcher sein, oder ein Ast könnte dir mitten ins Gesicht schlagen, oder Wölfe könnten dich anfallen. Vielleicht gibt es hier Bären. Der Akku deines Telefons ist leer.
Gut. Dann wirst du die dunkle, dunkle Nacht eben an dieser Stelle verbringen.
Es beginnt zu nieseln.
„Äh, hallo?“
Du zuckst zusammen und drehst dich hektisch um. Wer ist das?
„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken! Ich dachte, Sie hätten mich gehört. Sie haben mich ja schließlich gerufen.“
„Was? Ich habe nicht gerufen! Wer sind Sie? Wo kommen Sie her?“ Du überlegst, deinen Kugelschreiber als Waffe zu zücken, lässt es dann aber. Es ist schwer zu beschreiben, aber der Mann wirkt vertrauenerweckend. Und hell. Ein leises Licht geht von ihm aus. Er trägt eine braune Strickjacke, die an den Ellenbogen dünngescheuert ist.
„Ich habe Sie ganz deutlich gehört. Egal, jetzt bin ich ja hier. Gestatten, ich bin Ihr Vertrauen.“ Er verbeugt sich vor dir.
„Mein… was?“
„Ihr Vertrauen. Ah, ich sehe, das sagt Ihnen nichts. Ab und zu werde ich auch als Engel bezeichnet, aber das klingt so verstaubt, finden Sie nicht? Vertrauen hat einen seriöseren Klang, oder?“
Du starrst ihn an. Vielleicht bist du verrückt geworden. Vielleicht taucht gleich noch ein rosa Einhorn auf.
„Nein, nein, keine Sorge, für Einhörner bin ich nicht zuständig. Sie sind nicht verrückt, Sie haben bloß Ihr Vertrauen verloren. Das ist nicht schön und macht den meisten Betroffenen schwer zu schaffen. Sehen Sie, und dann komme ich und versuche, die Dinge in Ordnung zu bringen.“ Der Mann verschränkt die Arme hinter dem Rücken und wippt auf den Fußspitzen auf und ab. Du bist verwirrt, aber du versuchst, die Sache positiv zu betrachten. Ihr steht im Wald, es ist dunkel, es nieselt, aber immerhin bist du nicht mehr mutterseelenallein. Das ist doch schon was.
„Genau! Und da es nieselt, Moment…“ Er zieht von irgendwo einen riesigen, schwarzen Stockschirm hervor und spannt ihn über euch beiden auf. „So! Viel besser! Wollen wir dann mal?“ Er bietet dir seinen Arm an.
Zögerlich legst du deine Hand an seinen Ellenbogen.
„Schön, schön. Dann sehen wir mal, wo der Weg uns hinführt. Wissen Sie, ich sage ja immer, man muss nur seinen Füßen vertrauen, die wissen, was sie tun, aber komischerweise sehe das nur ich so. Was meinen Sie?“
Er geht weiter, ohne nach vorne zu sehen. Er blickt dich an. Du würdest gerne langsamer gehen, viel langsamer, aber du traust dich nicht, ihm das zu sagen. Antworten kannst du auch nicht, du hast viel zu viel damit zu tun, in die Dunkelheit zu starren und den Weg zu suchen.
„Sie müssen den Weg nicht suchen, das mache ich für Sie. Vertrauen Sie mir einfach. Vorsicht, da ist ein Ast vor Ihnen. Und nein, das ist kein Spinnennetz, das sind nur Halme, die über den Weg wachsen. Wissen Sie, die meisten verlieren ab und zu das Vertrauen, Sie sind da nicht alleine, wirklich nicht. Schlimm wird es, wenn ich vergessen werde. Die Welt ohne mich ist ein einsamer Ort. Manchmal versuche ich es trotzdem und komme unaufgefordert, aber meistens bemerkt mich niemand, nicht mal, wenn ich wie Rumpelstilzchen herumtanze.“
Er führt dich durch das Unterholz, umgeht umgestürzte Bäume, die sich euch in den Weg legen und übertönt mit seinem Reden das Rascheln und Knistern in der Dunkelheit. Nie stösst er mit dem Schirm irgendwo an. Du verlässt dich auf ihn. Du bist froh, dass er da ist.
„Ach, wirklich? Das freut mich aber!“ Er lächelt. „Wir sind schon fast da. Sehen Sie, da vorne brennt Licht.“ Er zeigt mit dem Schirm in der Hand auf einen schwachen Schimmer im Schwarz. „Eins noch.“ Er sieht dich an. „Vor uns ist ein Graben. Nicht breit, aber tief. Und wir müssen drüberspringen. Vertrauen Sie mir?“
Du kannst den Graben nicht sehen. Du hast Angst. Der Wald hinter dir schweigt. Die Bäume knacken. Aber ihr seid weit gekommen, und ohne ihn stündest du immer noch verloren mitten im Nichts. Du nickst entschlossen.
„Gut. Ich zähle bis drei: Eins, zwei, drei!“
Ihr springt zusammen, Hand in Hand.
Ihr kommt sicher auf. Dein Vertrauen lacht und faltet den Schirm zusammen. „Wunderbar!“
Du fühlst dich leicht. Stolz.
„So soll es sein! Sehen Sie, da vorne ist der Parkplatz, auf dem Ihr Auto steht. Von hier aus schaffen Sie es allein, oder?“
Du siehst ihn an. „Danke“, sagst du und weil du nicht anders kannst, umarmst du ihn kurz.
„Ach, nichts zu danken. Immer wieder gerne. Und Sie wissen ja, solange Sie mich rufen, komme ich!“ Er verbeugt sich vor dir.
Du nickst, drehst dich um und gehst zum Auto. Als du angekommen bist, siehst du noch einmal zurück. Der Wald ist schwarz und schweigt.
Dein Vertrauen ist noch da. Es winkt dir zu.

Gebet

ich muss nichts
nicht reden
nicht zuhören
nicht dazu gehören
ich bin da
Du bist da
ich und Du
Du und ich
wir
schauen uns an
schweigen
sind

 

Ein Spaziergang am Wasser

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Gott spricht von sich als Quelle, als lebendiges Wasser. Auch Jesus tut das.
Ich möchte mit euch heute über Wasser nachdenken, welche Ähnlichkeiten es mit meinem und eurem Leben vielleicht haben könnte und euch die Gelegenheit geben, vielleicht das ein oder andere mit Gott zu bereden.

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Entferntes Wasser

Manchmal kommt es mir so vor, als ob das Wasser da unten zwar strömt und rauscht, aber weit entfernt von mir ist. Ich komme nicht heran. Es ist einfach zu weit weg.
Gott ist zu weit weg.
Vielleicht geht es dir manchmal auch so.
Dann schließe jetzt die Augen. Horche. Lausche.

Hörst du das Rauschen?
Hörst du das Plätschern?
Hörst du, wie das Wasser mit Kraft strömt?
Deine Augen sagen: Es ist weit weg. Ich komme nicht heran.
Deine Ohren sagen: Es ist ganz nah! Ich stehe direkt daneben!

Vielleicht reicht manchmal schon eine kleine Veränderung der Umstände oder deiner Wahrnehmung aus, damit du dich Gott näher fühlst.

 

 

 

Nahes Wasser

Seht euch diesen Bach an.
Manchmal strömt dein Leben so wie dieser Bach: Breit, schnell und klar. Du kannst bis auf den Grund von allem sehen. Das Wasser ist sauber und gesund. Gott trägt dich wie ein Boot auf den Wellen, alles ist gut.

Genieße diesen Moment. Gott ist in dir und du bist in ihm. Du kannst ihm jetzt dafür danken, wenn du möchtest. Er ist das lebendige Wasser. Er ist ganz nah.

 

 

 

 

Stillstand

Manchmal bildet der Fluß kleine Becken, in denen das Wasser langsamer fließt oder sogar kurz stehenbleibt.
Empfindest du das als Stillstand oder als Pause?
Ist die Verlangsamung willkommen oder unwillkommen?
Sieh genau hin: Was passiert in den kleinen Becken?
Was könnte Gott dir sagen wollen?

 

 

 


Quellen

Gott sagt von sich selbst: Ich bin die lebendige Quelle.
Mit den Quellen fängt alles an.
Sie sind der Startpunkt.
Von ihnen aus kommt alles in Bewegung. Sie drängen nach vorn. Sie setzen etwas in Bewegung.

Vielleicht möchte in dir etwas neu anfangen.
Vielleicht möchte Gott dir dabei helfen.

Wenn du möchtest, halte deine Hände unter einen Wasserstrahl, um die Frische und das Neue des Anfangs zu spüren.
Trockne deine Hände nicht ab. So werden sie sich länger an das Gefühl erinnern, das Luft und Bewegung und Anfänge auf nasser Haut hinterlassen.

 

 


Abschluß

Das war ein kleiner, digitaler Morgenspaziergang, ein Start in den Tag oder vielleicht eine Pause mitten im Alltag.
Ich nehme an, eure Hände sind jetzt fast wieder trocken, aber vielleicht nehmt ihr einen Gedanken oder eine Erinnerung daran mit in den Tag. 

 

Gott sei mit euch und bleibt gesund!

 

Wie klingt der Frühling?



Wenn der Frühling kommt, dann zieht ein leises Rauschen durch die Luft. Es ist süßer als der Wind und zarter als die Lieder der Vögel, und es duftet nach nasser Erde, Schneeglöckchen und frischem Frosteis auf dem Rasen. Die Amseln und Meisen versuchen zaghaft erste, kurze Melodien, aber oft verstummen sie, weil ihnen der Winter noch in den Kehlen steckt.
Die Farben kommen zurück wie der Boléro von Ravel, erst nur ein zurückhaltendes, vorsichtiges Weiß, dann gesellen sich Gelb und Blau dazu und fangen erste Frühlingsgespräche von Blüte zu Blüte an, dann brandet das Rosa in den Kirschblüten auf wie eine mächtige Woge aus Streichern, Rot und Violett und Orange setzen Tupfer auf das Farbenmeer wie die Triangle ihre Töne über das Orchester hinweg schickt, und zum Schluß kommt das Grün in allen Bläser- und Pauken-Schattierungen als Crescendo! Wenn das Farbenorchester schweigt, ist das Meer ruhig und es ist Mai.
Wenn der Frühling kommt, fliesst das Blut in den Adern schneller und wärmer, die Freude am Leben kitzelt in Augen und Nase und lässt uns manchmal niesen. Wir lachen schneller und lauter und schnuppern an Maiglöckchen, wenn gerade niemand hinsieht. Unsere Haut fühlt sich weicher an und sehnt sich nach Licht und Wärme, bis es fast wehtut und wir Hosen hochkrempeln und Sandalen anziehen, auch, wenn es eigentlich noch zu kühl ist. Der Wind fährt durch junge Blätter und altes Winterlaub und raschelt von kommenden Sonnentagen, und wenn es regnet, öffnet sich die Erde und lässt Samen und junge Triebe ans Licht. Dieser Regen ist willkommen und warm.
Wenn es Frühling wird, öffnen wir die Türen und Fenster und lehnen uns weit hinaus, direkt hinein ins Leben. Wir atmen tief ein. Wir sind lebendig.

Und wenn...

Und wenn diese
kleine
unbedeutende
nicht perfekte
Gemeinde
nun
meine Heimat wäre?
Alles wäre anders.