Gedankensplitter

Alltagsauferstehungen



Alltagsauferstehungen

morgens aufwachen und feststellen, es war nur ein Traum

angetrocknete Blumen aus dem Supermarkt retten

etwas aussprechen, das bisher unaussprechlich war

Kresse aussäen

feiern mit verloren geglaubten Freunden

jemandem beim Schlafen zusehen und wissen, das ist ein Wunder

Gärtnereien besuchen und in Primeln und Hyazinthen baden

Ablegen von lange getragenen Lasten

blaue Blümchen unter der vertrockneten Buchenhecke

farblose Gewissheiten in Frage stellen

leere Handyakkus aufladen
 

Osterrituale



Rituale sind gut. Ja, da kann ich zustimmen, obwohl ich im allgemeinen kein besonders nachdrücklicher Verfechter von sich wiederholenden Abläufen bin. Ich mags gern abwechslungsreich. Natürlich gibt es Ausnahmen: Der Weihnachtsbaum zu Weihnachten muss schon sein, genauso wie morgens im Halbschlaf die erste Tasse Tee des Tages. Aber auch da bin ich flexibel: Es kann auch ein Cappuccino sein. Oder (wenn der Halbschlaf länger dauert) eine schlichte Tasse Milch. Ich gucke auch sehr genau hin, wenn ein neues Ritual sich anbahnt: Will ich das? Ist es sinnvoll? Hat es genug Inhalt, um wiederholt zu werden?


Vor zwei Tagen ist mir eines ganz neu über den Weg gelaufen, und ich denke, es wird bei mir bleiben. Es begann ganz schlicht: Zu den Mahlzeiten zünde ich immer eine Kerze an. Am Anfang, weil ich es nett fand, die Mahlzeiten etwas schöner zu gestalten. Dann kam mir irgendwann der Gedanke, ich könnte die brennende Kerze auch als Symbol dafür sehen, dass Gott anwesend ist. Für mich macht es ihn sichtbar – der, der das Essen ermöglicht, ist beim Essen dabei.

Am Karfreitagmorgen wollte ich wie immer die Kerze anzünden, hatte das Streichholz schon in der Hand (natürlich ein Streichholz – niemals einen Kerzenanzünder!) - und hab es wieder weggepackt. Es erschien mir plötzlich nicht richtig, am Karfreitag. Auch am Samstag habe ich die Kerze nicht angezündet. Es ist seltsam, wie einem die Unterbrechung einer symbolischen Handlung etwas ins Bewusstsein rücken kann. Ich war mir der fehlenden Flamme sehr bewusst und habe öfter als sonst zur dunklen Kerze geblickt. Heute morgen nun, nach dem Ostergottesdienst, brennt sie wieder. Wie schön! Und wenn ich sie so ansehe, scheint sie auch ein bißchen heller zu brennen als sonst.

Wie gesagt, ich denke, dieses für mich brandneue und erstmalig ausprobierte Verhalten werde ich fortführen. Ein Osterritual, für mich neu entdeckt.


Frohe Ostern!

Familienwünsche

Familienwünsche




Du, Gott? Weisst du was? Manchmal hätte ich wirklich gern eine Familie. Eine eigene. Meine. Das gemeinsame Essen, das fehlt mir. Und das Erzählen dabei. Und das Kuscheln, abends auf dem Sofa beim Fernsehen. 
Ich weiß, man soll sich ja besser nach unten vergleichen, nicht nach oben, aber trotzdem. Wenn ich an die Zukunft denke, wird mir manchmal angst und bang, wirklich. Wie hast du das ausgehalten, damals, so ohne deinen Sohn da oben? Habt ihr ihn vermisst?

Ja, haben wir. Sehr. Und ich weiß genau, was du meinst. Aber... hast du dich schon mal gefragt, ob ich dich vielleicht gar nicht für eine Familie geschaffen habe? Alle meine Menschen sind sehr unterschiedlich, und auch du bist etwas besonderes. Könnte... ich nicht deine Familie sein?

Du??

Ja. Ich.

Ach du liebe Güte. Ich weiß nicht. Das ist nicht dasselbe, und das weisst du. Das muss ich erst überdenken. Und überhaupt: Meinst du nicht, wir wären recht schnell genervt voneinander?

Ach was. Ich kenne dich durch und durch, von deiner Vorliebe für Streuselkuchen bis hin zu deiner Abneigung vor Straßenbahnhaltestangen. Du kannst mich gar nicht nerven. Könnte es aber sein, dass ich dich nerve?

Naja... eventuell... manchmal. Ein bißchen. Oft.

Warum denn?

Du bist so – konzentriert! Geballt. Anstrengend. Übereifrig. Nie zeigst du irgendeine Schwäche!

(Gott lacht)

Nein, ernsthaft! Du bist einfach zu perfekt. Das ist einschüchternd.

So ein Unsinn! Natürlich habe ich eine Schwäche! Dich! Und alle deine Brüder und Schwestern! Ich könnte gut mit mir selbst klar kommen, wir sind ja sowieso immer zu dritt. Aber ich bin abhängig, man könnte fast schon sagen süchtig nach euch Menschen! Ich kann einfach nicht von dir lassen, und nachdem ich nunmal mein Wort gegeben habe, komme ich aus der Nummer auch nicht mehr raus. Also, was das angeht, ist meine Schwäche bestimmt größer als alles, was du jemals anstellen könntest. Und schon angestellt hast.

Oh. Das wusste ich nicht.

Schon klar. Den meisten von euch ist das nicht bewusst. Was die Lage für mich nicht einfacher macht, findest du nicht auch?

Naja, wenn du es so formulierst...

Also. Was ist jetzt mit unserer Familie? Du könntest es ja zumindest mal versuchen.

Puh. Naja. Meinetwegen, versuchen wirs. Aber eins sag ich dir gleich von Anfang an: Das Bad gehört mir!

Kind, ich habe dich gemacht, jedes Haar auf deinem Kopf...

Jajaja! Ist gezählt, ich weiß. Aber hier geht’s ums Prinzip. Beim Zähneputzen bin ich einfach noch nicht gesellschaftsfähig! Was denn? Hör sofort auf zu lachen! Das ist nicht lustig!

...

Neugierig sein

Neugierig sein




Nicht aufhören können zu lesen bis das Buch zuende ist. Die Zahnpastatube aufschneiden, um herauszufinden, wie die Streifen in die Paste kommen. Das Samentütchen einfach aussäen, obwohl die Aufschrift auf der Packung nicht mehr leserlich ist. Einen Luftballon steigen lassen, mit Adresse, und hoffen, dass die Karte zurückkommt. Die Reise buchen. Ohne Navi in die nächste Stadt fahren und gucken, wo man landet. Immer noch um die nächste Ecke gehen. Oder über den nächsten Hügel. Auch in die fünfte Kirche des Tages gehen und hoffen, dass Gott dort wartet.

Alleine essen gehen und die Gespräche am Nachbartisch belauschen. Oder fragen, ob man sich dazu setzen darf und ein Gespräch anfangen. Morgens ans Fenster gehen und den ersten Blick hinaus werfen – ist noch alles da? Vielleicht doch mit einer Katze zusammenwohnen wollen. Drachen steigen lassen – kann man es noch? Die Bibel ganz durchlesen. Unbedingt das Ende erfahren wollen. Nachsehen, wie die letzten zehn Strophen des Liedes lauten, von dem man nur die ersten drei kennt. Einen Gedichtband kaufen und Rose Ausländer testen. Mit Freunden zusammen ein Spiel einer Sportart angucken, die keiner kennt – vielleicht Quidditch?

Die Straßenbahnlinie bis zum Ende fahren. Umwege machen. Mit dem Fahrrad all die unbekannten kleinen Seitenstraßen ausprobieren und neue Wege suchen. Vorgärten angucken. Wer hat den schönsten Briefkasten? Ausprobieren, ob das Wasser warm genug ist. Trotzdem reinspringen. Für die Mondfinsternis wach bleiben. Morgens um vier rausgehen, sich mit einer Decke in den Park legen und Sterne gucken. Kaktuseis probieren. Beten.

Wann hat Sie das letzte Mal etwas ungeheuer interessiert? Erinnern Sie sich, wie es sich angefühlt hat, das Risiko einzugehen und positiv neugierig zu sein? Denken Sie groß! Das Leben ist es auch. Ein zu spät gibt es nicht. Vielleicht ist es an der Zeit, das Wort Neugier ganz neu durchzubuchstabieren.

 

Wege

Vor einiger Zeit gab es im Gottesdienst einen Film zum Thema Wege.

Nun ist er neu bearbeitet, mit neuer Musik unterlegt und für alle zugänglich. Viel Freude daran! (Wer es gern größer und schärfer hätte: Auf youtube ist es auch im Vollbildmodus in HD-Qualität ansehbar.)